Nationaltracht

2 - Christian Riedl - Kapellmeister 1880 - 1910Als Lehrer Christian Riedl um 1880 Traminer Musikanten zu einer Bürgerkapelle neu formierte, war an eine einheitliche Bekleidung noch nicht zu denken.  In den Aufbaujahren ging es wohl hauptsächlich um die Beschaffung von Notenmaterial und Musikinstrumenten, sowie der Anwerbung und Ausbildung von Bürgern, welche für die Musik geeignet erschienen. Um die Jahrhundertwende traten die Musikanten erstmals in einer Art Schützenuniform, ähnlich jener von heutigen Sportschützengilden, auf. Am 2. Februar 1911 beschlossen die Mitglieder der Bürgerkapelle Tramin einen „Monturenfond“ zu gründen und diesem 500 Kronen von der Vereinskasse zu übertragen. Damit wurde der Grundstein für ein ehrgeiziges Projekt gelegt: Die Errichtung einer neuen Tracht.

Kapellmeister und Oberlehrer Rudolf Riedl wandte sich an eine Frau Wöll in Innsbruck, damals eine Expertin in Trachtenfragen und beauftragte diese, eine neue Tracht für die Bürgerkapelle anfertigen zu lassen. Bis zur Fertigstellung war man sichtlich bestrebt, die nötigen Geldmittel aufzutreiben. Honorare für Konzerte und Beerdigungen, Spenden wohlhabender Bürger, Erlöse aus zahlreichen Festen und Glückstopfveranstaltungen wurden stets dem „Monturenfond“ zugewiesen.

Zu Fronleichnam 1913 war es dann soweit. Die Bürgerkapelle konnte erstmals in der farbenprächtigen Nationaltracht ausrücken. Schneidermeister Heinrich Garber aus Stafflach fertigte alle 45 Trachten an. In Innichen ließ man die Hüte herstellen. Die schmucke Tracht mit dem dunkelroten Gehrock geht auf bürgerliche Tiroler Kleidung um 1800 zurück.

Auch außerhalb von Tramin war man von der neuen Tracht begeistert. So ist im „Tiroler Volksblatt“ vom 24.05.1913 zu lesen:

„Tramin, 22. Mai. Bei herrlichem Wetter wurde heute die Fronleichnamsprozession in sehr feierlicher Weise abgehalten. Dabei sind die Musikanten zum ersten Male in der alten bürgerlichen Nationaltracht ausgerückt. Selbe nimmt unter den Tiroler Trachten sicher einen hervorragenden Platz ein, sie ist sehr malerisch und besonders auch zu kirchlichen Feierlichkeiten sehr passend und würdevoll. Man kann den tüchtigen Musikanten zu dieser Ausstattung nur bestens gratulieren.“

Die Bürgerkapelle Tramin in der Nationaltracht, 1919Die Bürgerkapelle Tramin in der Nationaltracht, 1919

Ein Hinweis auf die Gesamtkosten gibt eine eigene Brandversicherung, welche Kapellmeister Riedl im Auftrag des Vereins abschließen sollte. Die Versicherungssumme wird darin mit 4.500 Kronen angegeben und bezieht sich auf 45 Nationaltrachten zu je 100 Kronen. Bedingung war jedoch, dass die Trachten weiterhin bei den Musikanten zuhause aufbewahrt werden können.

Auch die Verwendung der neuen Tracht war genau geregelt. Die „Satzungen der Traminer Feuerwehr und Bürger – Kapelle“ aus dem Jahre 1910 wurden nach Einführung der Nationaltracht zu diesem Zweck ergänzt. In § 16 heißt es unter anderem: „… Die vom Verein angeschafften Uniformstücke bleiben Eigentum desselben. Jedes Mitglied hat unter persönlicher Haftung für die beste Instandhaltung Sorge zu tragen. Scheidet ein Mitglied aus, so hat dasselbe die vom Verein zur Benützung überlassenen Inventarstücke in gutem Zustande sofort zurückzuerstatten…..Das Tragen der Vereins Uniformen ist außer den Vereins Ausrückungen nicht gestattet. Jedoch erhalten jene Mitglieder, die ein Trachtenfest, Kostümkränzchen oder dgl. besuchen wollen, die Erlaubnis selbe zu tragen, müssen aber beim Kapellmeister die Meldung hierfür erstatten, der wiederum den Vereinsausschuss hiervon verständigen muss. Das Ausleihen an Nichtmitglieder ist unzulässig.“

Ohne auf die Unterstützung der Gemeindeverwaltung oder anderer öffentlicher Einrichtungen zählen zu können, erwies sich die Finanzierung als äußerst schwieriges Unterfangen. Im Februar 1914, 3 Jahre nach Gründung des „Monturenfonds“, belief sich der Schuldenstand immerhin noch auf 1.200 Kronen. Anscheinend waren die finanziellen Mittel der Gemeinde erschöpft. Diese hatte bereits die Bezahlung des jährlichen Kapellmeisterhonorars in Höhe von 300 Kronen übernommen.
Dass mit der Machtergreifung der Faschisten für die Musikkapelle schwere Zeiten anbrechen würden, ahnten die Musikanten bald. 1922 veranlasste Kapellmeister Max Riedl § 15 der Vereinssatzung mit folgendem Zusatz zu ergänzen: „Über die Verwendung der Nationaltracht im Falle einer Auflösung beschließt die letzte Generalversammlung“. Die düstere Vorahnung sollte sich bald bewahrheiten. 1923 wurde Max Riedl seines Amtes als Lehrer in Tramin enthoben und nach Göflan strafversetzt. Wenig später ereilte ihn dasselbe Schicksal wie seinen Bruder Rudolf, der in Tramin ebenfalls als Lehrer und Kapellmeister tätig war: Die zunehmenden Repressalien der Machthaber zwangen ihn zur Emigration nach Österreich.

Drei Jahre später – im Jahre 1925 – wurde die Kapelle erstmals von den Faschisten aufgelöst. Unter strengsten Auflagen durften die Traminer Musikanten 1929 wieder auftreten. So mussten Vorstandswahlen wiederholt werden, da einige der gewählten Mitglieder dem podestà (Amtsbürgermeister) nicht genehm waren. Auftritte, die den Faschisten nicht zusagten, wurden kurzerhand verboten.

7 - Festumzug in Meran 1930Die Kapelle 1930 beim Festumzug in Meran

1937 stellten die Musikanten schließlich ihre Tätigkeit endgültig ein und übergaben sämtliches Inventar, darunter auch die Nationaltracht, der Gemeindebehörde zu treuen Händen.

Im Jänner 1941 bemühte sich Arnold Walch um die Rückgabe der Instrumente und der Nationaltracht. Im Auftrag des SS-Ahnenerbes sollte in Tramin nämlich ein Egetmann-Umzug stattfinden. Arnold Walch war als Ortsbeauftragter des Volksbildungsdienstes der Arbeitsgemeinschaft der Optanten für Deutschland (AdO) mit dessen Organisation betraut.

Mit der Behauptung, Instrumente und Nationaltracht waren mit Geldmitteln der Gemeinde erworben worden und seien deshalb Eigentum derselben, untersagte Präfekturkomissär Dr. Pasolli der Gemeinde die Rückgabe. Wollte man die wertvolle Nationaltracht retten und je wieder in Empfang nehmen, galt es zu belegen, dass die Tracht mit eigenen Mitteln finanziert wurde. Die Zeit drängte. Der Zustand der von den Behörden verwahrten Instrumente und der Nationaltracht verschlechterte sich zusehends. So beklagte sich Walch bei der AdO, dass der Nationaltracht am Dachboden des Gemeindehauses drohe, von den Motten zerfressen zu werden. Sitzbänke und Notenständer würden zu Brennholz aufgehackt und der Trommelwagen würde vom Gemeindearbeiter für Holztransporte verwendet. Mündlichen Überlieferungen zufolge soll die Tracht sogar beim Karneval in Venedig zum Einsatz gekommen sein.

Walch kontaktierte den mittlerweile in Hall-Absam lebenden Rudolf Riedl, doch dieser konnte über den Verbleib von Rechnungen und Schriftstücken keine Auskunft geben. Die zu seiner Zeit stets in der Notenkiste verwahrten Zahlungsbelege und Rechnungen waren unauffindbar. Auch der ehemalige Schriftführer der Kapelle, Anton Thaler sen. und Gemeindesekretär Karl Rabanser konnten nur persönliche Schilderungen abgeben, jedoch keine Dokumente vorlegen.

Schließlich bestätigte der Sohn von Schneidermeister Garber, dass er gemeinsam mit seinem Vater die Nationaltracht im Auftrag und auf Rechnung der Bürgerkapelle angefertigt hatte. Eine Eingabe beim Quästor von Trient, Comm. Dott. Alessandro Feliciangeli durch Rechtsanwalt Dr. Josef Oberkofler aus Neumarkt erwirkte dann endlich die ersehnte Rückgabe der Nationaltracht.

Arnold Walch konnte für sein Vorhaben durchaus mit gewichtiger Unterstützung rechnen. In einem Schreiben vom 20. März 1941 bot der Leiter der Kulturkommission Südtirol der Amtlichen Deutschen Ein- und Rückwandererstelle, SS-Obersturmbannführer Wolfram Sievers an, sich beim Quästor persönlich für die Rückgabe einzusetzen.

10 - 1944 in TraminDie Kapelle 1944 in Tramin

national_2_grossMusikanten der Standschützenkapelle Tramin singen in einem Lazarett der deutschen Wehrmacht in Arco am Gardasee im September 1944

11 - 150-Jahrfeier des Herz-Jesu-Gelöbnisses in Bozen 1946Die Kapelle bei der 150-Jahrfeier des Herz-Jesu-Gelöbnisses in Bozen, 1946

13 - Jungmusikanten bei ihrem ersten Auftritt am Weißen Sonntag 1947Jungmusikanten bei ihrem ersten Auftritt am Weißen Sonntag, 1947

1948 beauftragte Kapellmeister Prof. Erwin Vale die Manufaktur Josef Dusini aus Bozen, ein Angebot für gelben Seidenstoff mit Stickerei zur Anfertigung von „40 Leibchen“ zu unterbreiten. Die Schneiderei Paoli aus Tramin fertigte diese an, verwendete jedoch für Vorder- und Rückseite denselben gelben Stoff. Ursprünglich zierte der gelbe Seidenstoff nur die Vorderseite, die Rückseite war aus weißem Leinen gefertigt. 1958 ließ man sämtliche Hüte von Hutmacher M. Hutter aus Meran aufrichten. Schadhafte Hüte wurde dabei durch neue ausgetauscht. Die Hosenträger wurden hingegen zur Gänze durch neue, wie im Protokollbuch vermerkt, „einheitliche“ ersetzt. Von kleineren Reparaturen abgesehen wurden in den Folgejahren an der Nationaltracht keine Änderungen mehr vorgenommen.

Herz-Jesu-Prozession in der Nationaltracht, 1958Herz-Jesu-Prozession in der Nationaltracht, 1958

1959 fertigte die Federkielstickerei Johann Thaler aus Sarnthein 42 neue, mit Pfauenfederkiel bestickte Ledergürtel an. Obmann Max Bauer konnte durch persönliche Spendensammlungen das nötige Geld dafür aufbringen. Die bisher von einigen Musikanten getragenen Gürtel waren jene der Schützen. Deren Kompanie hatte sich „wegen dem Kriegsereignis“, aufgelöst, wie Kapellmeister Max Riedl im Protokollbuch vermerken ließ.

15 - 1972 in Innsbruck1972 in Innsbruck in der Nationaltracht

Gegen Mitte der 1970er Jahre wurde das Ausrücken in der Nationaltracht unmöglich. Zu viele Reparaturen und Neuanschaffungen wären nötig gewesen, für welche damals das Geld fehlte.

1983 fasste die Bürgerkapelle den Beschluss, die Nationaltracht wieder einzuführen. Die Kapelle bildete ein Trachtenkomitee, welchem neben Obmann Franz Bologna, Archivar Hermann Oberhofer (Klarinette), Dietmar Prantl (Flügelhorn) und Beirätin Erika Rinner (Flöte) angehörten. Für das Komitee galt es zu bestimmen, welche Teile der alten Tracht noch Verwendung finden konnten, welche hingegen neu angefertigt werden mussten. Auch Firmen mussten ausfindig gemacht werden, die zur Anfertigung von Stoffen, Hüten etc. in Frage kämen. Bald war klar, dass von der alten Tracht nur mehr die Lederhosen Verwendung finden würden.

Bei der Anfertigung der neuen Trachtenteile wollte man sich einerseits möglichst nahe an der ursprünglichen Tracht orientieren, andererseits auch der heutigen Auffassung vom Trachtenwesen gerecht werden. In diesem Zusammenhang sind die Arbeitsgemeinschaft „Lebendige Tracht“ sowie der Bozner Kaufmann und Trachtenkundler Dr. Helmuth Rizzolli zu nennen. Aus ihrem Wissens- und Erfahrungsschatz konnten sie der Kapelle wertvolle Ratschläge und Hinweise geben.

Für die Herstellung der wertvollen Stickerei auf dem gelbem Seidenstoff fand man in der Stickereiwerkstätte Albert Ritter aus Bozen den idealen Partner. Den Seidenstoff besorgte die Manufaktur Elisabeth Hofer aus Bozen. Die Hüte und Trachtenschuhe wurde vom bereits genannten Kaufmann Rizzolli aus Bozen angefertigt bzw. geliefert. Die Firma F. Gebhard & Söhne aus Brixen fertigte 25 neue Lederhosen und reparierte ebenso viele der alten. Den weinroten Stoff aus reiner Schurwolle für die Gehröcke stellte in einer eigenen Färbung die Schafwollwarenfabrik Mössmer aus Bruneck her. Die Musikanten selbst sorgten für das Stricken der weißen Baumwollstutzen. Die Kapelle stellte lediglich das Garn zur Verfügung. Die unterschiedlichen Muster waren dabei durchaus gewollt. Bereits 1982 ließ man für die „Unterlandler Tracht“ in Nals Trachtenhemden anfertigten.

Für die Auswahl der Schneiderei musste man sich weit weniger Gedanken machen, waren doch in unserem Heimatdorf zwei exzellente Schneider tätig. Schneidermeister Kurt Paizoni fertigte die eleganten Gehröcke und die Hosenträger an. Die gelben „Seidenleibln“ wurden hingegen in ihrer ursprünglichen Stoff- und Farbgebung von Schneidermeister Karl Kerschbaumer gefertigt. Die zahlreichen Musikantinnen erhielten eine neu geschaffene Frauentracht. Diese wurde ebenfalls von Karl Kerschbaumer geschneidert.

Die Finanzierung bereitete der Kapelle einiges Kopfzerbrechen. Der Erlös der am 31.01.1984 mit Kapellmeister Reinhard Kaneppele eingespielten Langspielplatte kam jedenfalls der Wiederanschaffung zugute. Im Gegensatz zur Neuanschaffung im Jahr 1913 unterstützte diesmal auch das Assessorat für Unterricht und Kultur der deutschen und ladinischen Volksgruppe mit Landesrat Dr. Anton Zelger sowie in erster Linie die Gemeindeverwaltung der Marktgemeinde Tramin mit Bürgermeister Oswald Oberhofer und Kulturassessor Erwin Bologna das Vorhaben der Kapelle in erheblichem Maße. Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Spenden der Traminer Bürger und Unternehmen. Dank der gemeinsamen Anstrengung und Unterstützung aller eben Genannten konnten die Gesamtkosten in Höhe von 38.000.000 Lire beglichen werden.

Am 16. Juni 1985, dem Herz-Jesu-Sonntag rückte die Bürgerkapelle erstmals in der wiedererrichteten Nationaltracht aus. Im Beisein zahlreicher Behördenvertreter und Ehrengäste fand nach der Prozession am Rathausplatz ein Festakt statt und die Bürgerkapelle stellte mit klingendem Spiel die Tracht der Bevölkerung vor.

Vorstellung der "neuen" Nationaltracht, 1985Die „neue“ Nationaltracht wird 1985 den Bürgern vorgestellt

Mit ihrer Farbenpracht und ihrem eleganten Schnitt bildet die Nationaltracht der Bürgerkapelle Tramin heute wie damals eine glanzvolle Bereicherung der Tiroler Trachtenlandschaft.

Christian Bologna