Die Nationaltracht der Bürgerkapelle
Tramin
Chronik einer bewegten Geschichte
Als Lehrer Christian Riedl 1881 Traminer Musikanten zu einer Bürgerkapelle
neu formierte, war an eine einheitliche Bekleidung noch nicht zu
denken. In den Aufbaujahren ging es wohl hauptsächlich um die
Beschaffung von Notenmaterial und Musikinstrumenten sowie der Anwerbung
und Ausbildung von Bürgern, welche für die Musik geeignet
erschienen. Um die Jahrhundertwende traten die Musikanten erstmals
in einer Art Schützenuniform, ähnlich jener von heutigen
Sportschützengilden, auf. Am 2. Februar 1911 beschlossen die
Mitglieder der Bürgerkapelle Tramin einen „Monturenfond“ zu
gründen und diesem 500 Kronen von der Vereinskasse zu übertragen.
Damit wurde der Grundstein für ein ehrgeiziges Projekt gelegt:
Die Errichtung einer neuen Tracht.
Kapellmeister und Oberlehrer Rudolf Riedl wandte sich an eine Frau
Wöll in Innsbruck, damals eine Expertin in Trachtenfragen und
beauftragte diese, eine neue Tracht für die Bürgerkapelle
anfertigen zu lassen. Bis zur Fertigstellung war man sichtlich bestrebt,
die nötigen Geldmittel aufzutreiben. Honorare für Konzerte
und Beerdigungen, Spenden wohlhabender Bürger, Erlöse aus
zahlreichen Festen und Glückstopfveranstaltungen wurden stets
dem „Monturenfond“ zugewiesen.
Zu Fronleichnam 1913 war es dann soweit. Die Bürgerkapelle
konnte erstmals in der farbenprächtigen Nationaltracht ausrücken.
Schneidermeister Heinrich Garber aus Stafflach fertigte alle 45 Trachten
an. In Innichen ließ man die Hüte herstellen. Die schmucke
Tracht mit dem dunkelroten Gehrock geht auf bürgerliche Tiroler
Kleidung um 1800 zurück.
Auch außerhalb von Tramin war man von der neuen Tracht begeistert.
So ist im „Tiroler Volksblatt“ vom 24.05.1913 zu lesen: „Tramin,
22. Mai. Bei herrlichem Wetter wurde heute die Fronleichnamsprozession
in sehr feierlicher Weise abgehalten. Dabei sind die Musikanten zum
ersten Male in der alten bürgerlichen Nationaltracht ausgerückt.
Selbe nimmt unter den Tiroler Trachten sicher einen hervorragenden
Platz ein, sie ist sehr malerisch und besonders auch zu kirchlichen
Feierlichkeiten sehr passend und würdevoll. Man kann den tüchtigen
Musikanten zu dieser Ausstattung nur bestens gratulieren.“

Bürgerkapelle Tramin
in der Nationaltracht, 1919
Ein Hinweis auf die Gesamtkosten gibt eine eigene Brandversicherung,
welche Kapellmeister Riedl im Auftrag des Vereins abschließen
sollte. Die Versicherungssumme wird darin mit 4.500 Kronen angegeben
und bezieht sich auf 45 Nationaltrachten zu je 100 Kronen. Bedingung
war jedoch, dass die Trachten weiterhin bei den Musikanten zuhause
aufbewahrt werden können.
Auch die Verwendung der neuen Tracht war genau geregelt. Die „Satzungen
der Traminer Feuerwehr und Bürger – Kapelle“ aus
dem Jahre 1910 wurden nach Einführung der Nationaltracht zu
diesem Zweck ergänzt. In § 16 heißt es unter anderem: „...
Die vom Verein angeschafften Uniformstücke bleiben Eigentum
desselben. Jedes Mitglied hat unter persönlicher Haftung für
die beste Instandhaltung Sorge zu tragen. Scheidet ein Mitglied aus,
so hat dasselbe die vom Verein zur Benützung überlassenen
Inventarstücke in gutem Zustande sofort zurückzuerstatten.....Das
Tragen der Vereins Uniformen ist außer den Vereins Ausrückungen
nicht gestattet. Jedoch erhalten jene Mitglieder, die ein Trachtenfest,
Kostümkränzchen oder dgl. besuchen wollen, die Erlaubnis
selbe zu tragen, müssen aber beim Kapellmeister die Meldung
hierfür erstatten, der wiederum den Vereinsausschuss hiervon
verständigen muss. Das Ausleihen an Nichtmitglieder ist unzulässig.“
Ohne auf die Unterstützung der Gemeindeverwaltung oder anderer öffentlicher
Einrichtungen zählen zu können, erwies sich die Finanzierung
als äußerst schwieriges Unterfangen. Im Februar 1914,
3 Jahre nach Gründung des „Monturenfonds“, belief
sich der Schuldenstand immerhin noch auf 1.200 Kronen. Anscheinend
waren die finanziellen Mittel der Gemeinde erschöpft. Diese
hatte bereits die Bezahlung des jährlichen Kapellmeisterhonorars
in Höhe von 300 Kronen übernommen.
Dass mit der Machtergreifung der Faschisten
für die Musikkapelle schwere Zeiten anbrechen würden, ahnten
die Musikanten bald. 1922 veranlasste Kapellmeister Max Riedl § 15
der Vereinssatzung mit folgendem Zusatz zu ergänzen: „Über
die Verwendung der Nationaltracht im Falle einer Auflösung beschließt
die letzte Generalversammlung“. Die düstere Vorahnung
sollte sich bald bewahrheiten. 1923 wurde Max Riedl seines Amtes
als Lehrer in Tramin enthoben und nach Göflan strafversetzt.
Wenig später ereilte ihn dasselbe Schicksal wie seinem Bruder
Rudolf, der in Tramin ebenfalls als Lehrer und Kapellmeister tätig
war: Die zunehmenden Repressalien der Machthaber zwangen ihn zur
Emigration nach Österreich.
Drei Jahre später wurde die Kapelle erstmals von den Faschisten
aufgelöst. Unter strengsten Auflagen durften die Traminer Musikanten
1929 wieder auftreten. So mussten Vorstandswahlen wiederholt werden,
da einige der gewählten Mitglieder dem podestà (Amtsbürgermeister)
nicht genehm waren, Auftritte die den Faschisten nicht zusagten wurden
kurzerhand verboten. 1937 stellten die Musikanten schließlich
ihre Tätigkeit endgültig ein und übergaben sämtliches
Inventar, darunter auch die Nationaltracht, der Gemeindebehörde
zu treuen Händen.
Im Jänner 1941 bemühte sich Arnold Walch um die Rückgabe
der Instrumente und der Nationaltracht. Im Auftrag des SS-Ahnenerbes
sollte in Tramin nämlich ein Egetmann-Umzug stattfinden. Arnold
Walch war als Ortsbeauftragter des Volksbildungsdienstes der Arbeitsgemeinschaft
der Optanten für Deutschland (AdO) mit dessen Organisation betraut.
Mit der Behauptung, Instrumente und Nationaltracht waren mit Geldmitteln
der Gemeinde erworben worden und seien deshalb Eigentum derselben,
untersagte Präfekturkomissär Dr. Pasolli der Gemeinde die
Rückgabe. Wollte man die wertvolle Nationaltracht retten und
je wieder in Empfang nehmen, galt es zu belegen, dass die Tracht
mit eigenen Mitteln finanziert wurde. Die Zeit drängte. Der
Zustand der von den Behörden verwahrten Instrumente und der
Nationaltracht verschlechterte sich zusehends. So beklagte sich Walch
bei der AdO, dass der Nationaltracht am Dachboden des Gemeindehauses
drohe, von den Motten zerfressen zu werden, und dass der Gemeindearbeiter
den Trommelwagen für Holztransporte verwende. Mündlichen Überlieferungen
zufolge soll die Tracht sogar beim Karneval in Venedig zum Einsatz
gekommen sein.
Walch kontaktierte den mittlerweile in Hall-Absam lebenden Rudolf
Riedl, doch dieser konnte über den Verbleib von Rechnungen und
Schriftstücken keine Auskunft geben. Die zu seiner Zeit stets
in der Notenkiste verwahrten Zahlungsbelege und Rechnungen waren
unauffindbar. Auch der ehemalige Schriftführer der Kapelle,
Anton Thaler sen. und Gemeindesekretär Karl Rabanser konnten
nur persönliche Schilderungen abgeben, jedoch keine Dokumente
vorlegen.
Schließlich bestätigte der Sohn von Schneidermeister
Garber, dass er gemeinsam mit seinem Vater die Nationaltracht im
Auftrag und auf Rechnung der Bürgerkapelle angefertigt hatte.
Eine Eingabe beim Quästor von Trient, Comm. Dott. Alessandro
Feliciangeli durch Rechtsanwalt Dr. Josef Oberkofler aus Neumarkt
erwirkte dann endlich die ersehnte Rückgabe der Nationaltracht.
Arnold Walch konnte für sein Vorhaben durchaus mit gewichtiger
Unterstützung rechnen. In einem Schreiben vom 20. März
1941 bot der Leiter der Kulturkommission Südtirol der Amtlichen
Deutschen Ein- und Rückwandererstelle, SS-Obersturmbannführer
Wolfram Sievers an, sich beim Quästor persönlich für
die Rückgabe einzusetzen.

Musikanten der Standschützenkapelle Tramin singen in einem Lazarett
der deutschen Wehrmacht in Arco am Gardasee im September 1944
1948 beauftragte Kapellmeister Prof. Erwin Vale die Manufaktur Josef
Dusini aus Bozen, ein Angebot für gelben Seidenstoff mit Stickerei
zur Anfertigung von „40 Leibchen“ zu unterbreiten. Die
Schneiderei Paoli aus Tramin fertigte diese an, verwendete jedoch
für Vorder- und Rückseite denselben gelben Stoff. Ursprünglich
zierte der gelbe Seidenstoff nur die Vorderseite, die Rückseite
war aus weißem Leinen gefertigt. 1958 ließ man sämtliche
Hüte von Hutmacher M. Hutter aus Meran aufrichten. Schadhafte
Hüte wurde dabei durch neue ausgetauscht. Die Hosenträger
wurden hingegen zur Gänze durch neue, wie im Protokollbuch vermerkt, „einheitliche“ ersetzt.
Von kleineren Reparaturen abgesehen wurden in den Folgejahren an
der Nationaltracht keine Änderungen mehr vorgenommen.
Seit ihrer Errichtung war die wertvolle Nationaltracht für
die Musikanten immer etwas Besonderes. Sie wurde stets nur zu wichtigen
Anlässen und kirchlichen Feierlichkeiten getragen. Bei gewöhnlichen
Auftritten rückte man in der bereits genannten Schützenuniform
und ab1947 in der „Unterlandler Tracht“ aus.

Herz-Jesu-Prozession 1958
1959 fertigte die Federkielstickerei Johann Thaler aus Sarnthein
42 neue, mit Pfauenfederkiel bestickte Ledergürtel an. Obmann
Max Bauer konnte durch persönliche Spendensammlungen das nötige
Geld dafür aufbringen. Die bisher von einigen Musikanten getragenen
Gürtel waren jene der Schützen. Deren Kompanie hatte sich „wegen
dem Kriegsereignis“, aufgelöst.
Gegen Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde das
Ausrücken in der Nationaltracht unmöglich. Zu viele Reparaturen
und Neuanschaffungen wären nötig gewesen, für welche
damals das Geld fehlte.
1983 fasste die Bürgerkapelle den Beschluss, die Nationaltracht
wieder einzuführen. Die Kapelle bildete ein Trachtenkomitee,
welchem neben Obmann Franz Bologna Archivar Hermann Oberhofer (Klarinette),
Dietmar Prantl (Flügelhorn) und Beirätin Erika Rinner (Flöte)
angehörten. Für das Komitee galt es zu bestimmen, welche
Teile der alten Tracht noch Verwendung finden konnten, welche hingegen
neu angefertigt werden mussten. Auch Firmen mussten ausfindig gemacht
werden, die zur Anfertigung von Stoffen, Hüten etc. in Frage
kämen. Bald war klar, dass von der alten Tracht nur mehr die
Lederhosen Verwendung finden würden.
Bei der Anfertigung der neuen Trachtenteile wollte man sich einerseits
möglichst nahe an der ursprünglichen Tracht orientieren,
andererseits auch der heutigen Auffassung vom Trachtenwesen gerecht
werden. In diesem Zusammenhang sind die Arbeitsgemeinschaft „Lebendige
Tracht“ sowie der Bozner Kaufmann und Trachtenkundler Dr. Helmuth
Rizzolli zu nennen. Aus ihrem Wissens- und Erfahrungsschatz konnten
sie der Kapelle wertvolle Ratschläge und Hinweise geben.
Für die Herstellung der wertvollen Stickerei auf dem gelbem
Seidenstoff fand man in der Stickereiwerkstätte Albert Ritter
aus Bozen den idealen Partner. Den Seidenstoff besorgte die Manufaktur
Elisabeth Hofer aus Bozen. Die Hüte und Trachtenschuhe wurde
vom bereits genannten Kaufmann Rizzolli aus Bozen angefertigt bzw.
geliefert. Die Firma F. Gebhard & Söhne aus Brixen fertigte
25 neue Lederhosen und reparierte ebenso viele der alten. Den weinroten
Stoff aus reiner Schurwolle für die Gehröcke stellte in
einer eigenen Färbung die Schafwollwarenfabrik Mössmer
aus Bruneck her. Die Musikanten selbst sorgten für das Stricken
der weißen Baumwollstutzen. Die Kapelle stellte lediglich das
Garn zur Verfügung. Die unterschiedlichen Muster waren dabei
durchaus gewollt. Bereits 1982 ließ man für die „Unterlandler
Tracht“ in Nals Trachtenhemden anfertigten.
Für die Auswahl der Schneiderei musste man sich weit weniger
Gedanken machen, waren doch in unserem Heimatdorf zwei exzellente
Schneider tätig. Schneidermeister Kurt Paizoni fertigte die
eleganten Gehröcke und die Hosenträger an. Die gelben „Seidenleibln“ wurden
hingegen in ihrer ursprünglichen Stoff- und Farbgebung von Schneidermeister
Karl Kerschbaumer gefertigt. Die zahlreichen Musikantinnen erhielten
eine neu geschaffene Frauentracht. Diese wurde ebenfalls von Karl
Kerschbaumer geschneidert.
Die Finanzierung bereitete der Kapelle einiges Kopfzerbrechen. Der
Erlös der am 31.01.1984 mit Kapellmeister Reinhard Kaneppele
eingespielten Langspielplatte kam jedenfalls der Wiederanschaffung
zugute. Im Gegensatz zur Neuanschaffung im Jahr 1913 unterstützte
diesmal auch das Assessorat für Unterricht und Kultur der deutschen
und ladinischen Volksgruppe mit Landesrat Dr. Anton Zelger sowie
in erster Linie die Gemeindeverwaltung der Marktgemeinde Tramin mit
Bürgermeister Oswald Oberhofer und Kulturassessor Erwin Bologna
das Vorhaben der Kapelle in erheblichem Maße. Nicht zu vergessen
sind die zahlreichen Spenden der Traminer Bürger und Unternehmen.
Dank der gemeinsamen Anstrengung und Unterstützung aller eben
Genannten konnten die Gesamtkosten in Höhe von 38.000.000 Lire
beglichen werden.

Die „neue“ Nationaltracht wird 1985 den Bürgern vorgestellt
Am 16. Juni 1985, dem Herz-Jesu-Sonntag rückte die Bürgerkapelle
erstmals in der wiedererrichteten Nationaltracht aus. Im Beisein
zahlreicher Behördenvertreter und Ehrengäste fand nach
der Prozession am Rathausplatz ein Festakt statt und die Bürgerkapelle
stellte mit klingendem Spiel die Tracht der Bevölkerung vor.
Mit ihrer Farbenpracht und ihrem eleganten Schnitt bildet die Nationaltracht
der Bürgerkapelle Tramin heute wie damals eine glanzvolle Bereicherung
der Tiroler Trachtenlandschaft.
Christian Bologna
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